Die phänomenologische Methode bei Husserl und in der Gestalttherapie

Zusammenfassung

Bei vielen Gestalttherapeuten besteht einige Verwirrung, was das Wesen der phänomenologischen Methode angeht. Mit diesem Artikel möchte ich einen neuen Blick auf Husserls ausgereiftes Verständnis seiner Methode werfen und aufzeigen, dass die Methode, die Gestalttherapeuten in ihrer Arbeit mit Klienten tatsächlich benutzen, eine ziemlich genaue Anwendung von ihr ist – im Gegensatz zu vielen Diskussionen darüber in Gestalt-Zirkeln. Husserls Ziele und die der Gestalttherapeuten, die seine Methode benutzen, sind gegensätzlich. Husserl suchte nach einer Methode, um des Wissens willen reine, allgemeingültige Essenzen zu entdecken. Das Ziel eines Gestalttherapeuten ist ein praktisches: Die dynamische Lebensorganisation eines einzigartigen Individuums immer genauer zu verstehen, um sein Leiden zu lindern und ihm zu helfen, sein Leben mit mehr Wahlmöglichkeiten und zufriedener zu leben.

Abstract

The Phenomenological Method of Husserl and of Gestalt Therapy There is some confusion among many Gestalt therapists as to the nature of the phenomenological method. The purpose of this essay is to take a fresh look at Husserl’s mature understanding of his method, and to show that the method Gestalt therapists actually use in working with clients—in contrast to how it is often discussed in Gestalt circles—is a fairly pure application of it. The aims of Husserl and of the Gestalt therapists using his method are opposite. Husserl was in search of a method for discovering pure universal essences, for the sake of knowledge itself. A Gestalt therapist’s aim is a practical one: to seek an increasingly exquisite understanding of the dynamic organization of the living of this-here-now unique individual person, in order to alleviate that person’s suffering and to help him or her live a more choiceful and satisfying life.

30 Jahre Zeitschrift der DVG - 31. Jahrgang - Heft 1 / 2017
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